Gespräche über das Heilige
„Wir sind ganz eingehüllt in die Atmosphäre des Schönen, sogar des Heiligen, jedenfalls des Erhabenen.“
(Rüdiger Safranski und Gisela Nicklaus-Safranski)
Anlässlich des Symposiums der DPU zum neuen Springer-Sachbuch „Die Macht der Schönheit“ wurde beim Besuch der Akropolis und des Apollontempels in Delphi auf den Spuren unserer antiken Kultur über das Heilige diskutiert. Hierzu Rüdiger Safranski, Karl-Josef Kuschel und Christoph Quarch:
Karl-Josef Kuschel: Dem Heiligen nähert man sich mit einer gewissen Scheu. Man spürt die Gegenwarteiner anderen Dimension, die einen in der Seele berührt und anspricht – so dass man schonend damit umgeht. Das Heilige behandelt man mit Respekt und Empathie. Man muss sich in das Heilige hineinfühlen. Es unterbricht den banalen Alltag und entführt uns in eine andere Dimension – so wie das Schöne im Verständnis der griechischen Antike: Man lässt das Heilige wirken, indem man es zu verstehen versucht, ohne es aufzulösen.
Rüdiger Safranski: In einer Zeit, in der durch die Gesetze des Marktes der Superlativ inflationär gebraucht wird und sich das Denken in Geldäquivalenten bewegt, ist es schwer, den Schutzraum des Heiligen und Erhabenen zu wahren. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, durch den Unrat der Zeit verdorben. Das Heilige setzt Respekt voraus – Respekt und die Bereitschaft, sich dem Vollkommenen oder absolut Gelungenen ohne Neid zu öffnen. Provozierend kann man sagen: Das Heilige ist das, was nicht auf Augenhöhe ist. Es ist das, was sich nicht nivellieren lässt. So ging es mir bei unserem Aufstieg auf die Akropolis – und beim Blick auf die Akropolis: Das hier ist nicht auf Augenhöhe, und deshalb ist es zugleich ein Versprechen und eine Einladung: Streng dich an, hol das Beste aus dir heraus, lass dich nicht gehen! Respektiere das Vollkommene! Das Heilige steht quer zu unserem Alltag. Und gerade deshalb kann es eine Kraft der Verjüngung freisetzen, der neuen Ernsthaftigkeit.
Karl-Josef Kuschel: Ja, man kann das Heilige von seinem Gegenteil her erschließen. Von manchen Menschen sagen wir mit Grund, ihnen sei „nichts heilig“. Damit bringen wir zum Ausdruck, dass diese Personen alles nivellieren, nach Nützlichkeits-gesichtspunkten verwerten oder in Geldwert konvertieren. Vor diesen Menschen muss das Heilige bewahrt werden. In diesem Sinne sind Orte wie der Apollon-Tempel zu Delphi oder das Kloster Agios Loukas schutzbedürftig. Es scheint mir wichtig, dass sie aus der touristischen Zuschauerperspektive befreit werden.
Christoph Quarch: Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit eine Lanze für den so oft gescholtenen Idealismus brechen. Mir scheint, es ist gerade das Ideal, das uns aus der Banalität der Augenhöhe befreit; denn es stellt uns etwas Größeres und Bedeutenderes vor Augen – etwas, an dem wir uns aufrichten können. Deshalb ist es mir ein Anliegen, die griechische Kultur und die von ihr ins Werk gesetzten bzw. zur Sprache gebrachten Ideale in Erinnerung zu rufen – in der festen Überzeugung, dass diese Art von Idealismus der eigentliche Realismus ist. Mir scheint, dass wir die Wahrheit des Seins und Lebens immer mehr aus dem Blick verlieren, wenn wir versuchen, alles auf Augenhöhe zu bringen und so die Unterscheidung zwischen sakral und profan einzuebnen. Auf diese Weise entzieht sich uns das, was wir wesentlich sind. Wir verorten alles im Koordinatensystem unserer liebgewonnenen Denkgewohnheiten und erstarrten Paradigmen. Wir versuchen, uns die Welt mit den uns geläufigen Instrumentarien begreiflich zu machen und verschließen uns genau dem, was uns zu einem neuen Handeln und Denken zu inspirieren vermag.
Darin gleichen wir Platons Höhlenbewohnern, die gefangen in ihren mentalen Konventionen verlernt haben, den zeitlosen Sinn des Seins zu erfragen – das, was ich im Geiste Platons als das Heilige bezeichnen möchte: das Schöne, Gute und Wahre. Vielleicht ist der platonische Idealist am Ende des Tages der eigentliche Realist. Jedenfalls habe ich mich dafür entschieden, auf das Risiko hin, verlacht und verspottet zu werden, daran festzuhalten, dasjenige, was leicht als eine erklärende Sicht auf die Antike abgetan wird, in seiner Authentizität und Echtheit zu betonen. Natürlich scheint uns vieles von dem, was wir in einem Ort wie Delphi erfahren, sehr fernliegend und vielleicht auch befremdlich.
Aber eines sollten wir uns doch klar machen: 1500 Jahre lang sind Menschen aus aller Herren Länder zu diesem Tempel gepilgert – zu diesem Tempel, der teilweise aus parischem Marmor erbaut wurde. Die Insel Paros ist einige hundert Kilometer von hier entfernt. Die Steine mussten dort geschlagen und verladen, dann auf dem Seeweg zum Hafen von Kirra gebracht und weiter den steilen Weg nach Delphi transportiert werden – alles ohne Maschinenkraft, ohne asphaltierte Straßen. Man brauchte dafür große Mengen von Handwerkern, Helfern, Zeit, Geduld, Geld.
Warum haben die Menschen das gemacht? Was ging in ihnen vor? Sie müssen begeistert gewesen sein, von dem, was sie taten. Und die Zeugnisse ihrer Arbeit stehen noch heute vor uns. Man kann sagen, was man will: Ihre kulturelle Hinterlassenschaft ist unvergleichlich. Wenn ein Menschentum es schafft, in relativer kurzer Zeit, mit relativ wenig Leuten ein solches Vermächtnis zu hinterlassen, zu dessen Ruinen noch heute aus aller Welt die Menschen pilgern,
dann kann man nur staunen und sich fragen: Wie konnte das passieren? Was steckt dahinter?
Mein Anliegen ist, deutlich zu machen, dass eine unvergleichliche religiöse Urintuition dahintersteckt, die ihre Kraft aus der Erfahrung des Schönen und Heiligen in der Welt bezogen hat – und von der ich überzeugt bin, dass an sie anzuschließen, der Weg ist, der uns Menschen im 21. Jahrhundert bleibt, um den gravierenden Herausforderungen, vor denen wir stehen, angemessen begegnen zu können.