Zentrum für Natur-und Kulturgeschichte des Menschen

Leitung: Prof. Dr. K. W. Alt

Menschliche Überreste (prä)historischer Zeitstellung repräsentieren biohistorisches Quellenmaterial von epochaler Bedeutung für die Archäologie und die Medizin. Multidisziplinäre Studien, wie sie von der AG Alt an diesen Überresten durchgeführt werden, verbinden biologische und kulturelle Aspekte der Evolution integrativ zu einer Evolutionären Medizin (EVOMED). Im Blickfeld der Forschung stehen Herkunft und Entwicklung, Gesundheit und Krankheit, Ernährung und Fortpflanzung, unser Genom und unser Verhalten. Entscheidenden Einfluss auf unsere Natur nimmt seit tausenden von Jahren die Kultur. Die Etablierung einer über die Schulmedizin und komplementäre (Zahn)Medizin hinaus reichenden EVOMED kann in der Grundlagenforschung sowie im klinischen Alltag entscheidende Impulse setzen. Neue Forschungsfelder wie z.B. Mikrobiom- und Genomforschung sowie die Epigenetik sollen zielführend inkorporiert, essentielle Themen der Zukunft wie z.B. Gerontologie in der (Zahn)Medizin neu fokussiert werden. Entscheidende Bedeutung hat auch die Ethno(zahn)medizin, die zeitgleich Einblicke in die Welt indigener Bevölkerungen in einer ansonsten globalisierten Welt erlaubt. Nutznießer einer neuen Sichtweise der (Zahn)Medizin in einer sich ständig verändernden Welt wären wir alle, als Mensch, als Patient, darüber hinaus Politik, Gesundheits- und Sozialwesen und Ökonomie.

Die Untersuchungen erfolgen primär an prähistorischen biogenen Materialien, parallel dazu finden Studien an rezenten biogenen Materialien (Knochen, Zähne, Zahnstein) statt. Diese Vorgehensweise berücksichtigt die essentielle Bedeutung phylogenetischer, evolutiver Aspekte unserer Herkunft und Entwicklung inklusive mikroevolutiver Veränderungen, die einerseits unsere Natur bedingen, andererseits unsere kulturelle Verschiedenheit zum Ausdruck bringen. Die verschiedenen Forschungsschwerpunkte überlappen einander, bilden Brennpunkte in der aktuellen Forschung in der Anthropologie, der Genetik oder (Zahn)Medizin und schließen soziokulturelle Aspekte und spezielle Fragestellungen aus der Archäologie ein.

Die Hartgewebshistologie findet vor Ort im neu errichteten Forschungsturm der DPU statt. Neu geschaffene Räumlichkeiten an der DPU bieten auch die Möglichkeit für osteologische Untersuchungen. Weiterführende naturwissenschaftliche Forschung im Bereich von Isotopenanalysen und Paläogenetik erfolgt in verschiedenen, international tätigen Netzwerken (u.a. MPI, Jena, Deutschland; Molekulargenetik Universität Kiel, Deutschland; Genetik Harvard University Boston, USA; CEZA Mannheim, Deutschland; DBE und IPNA Universität Basel, Schweiz). Die AG Alt ist in zahlreiche internationale Großprojekte und Einzelkooperationen eingebunden.

Auswahl an Forschungsthemen

  1. Bone Quality - Life Quality:
    • Human Bone Quality: Diachrone Untersuchung humaner Knochensubstanz zu Veränderungen in der Knochendichte und zu Knochenerkrankungen.
    • Best Animal Bone: Vergleichende Analysen nicht-humaner Knochensubstanz u.a. im Hinblick auf den Einsatz als Knochenersatzmaterial.
       
  2. Inkrementelle Marker im Zahnschmelz und Zahnzement: Untersuchungen zur Genese und Gewebekomposition von menschlichem Zahnhartgewebe mittels modernster Analyseverfahren.
     
  3. Okklusion und Hartgewebsveränderungen im Gebiss:
    • Untersuchungen zur Rekonstruktion ursprünglicher Platzverhältnisse im Seitenzahngebiet des Abrasionsgebisses (prä)historischer Bestattungen.
    • Erarbeitung von Empfehlungen für die Klinik und Praxis zum Thema approximales Stripping innerhalb des Arbeitskreises für Ethno- und Paläozahnmedizin (AKEPZ) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK).
       
  4. Histo-Taphonomie: histologische Untersuchung taphonomischer Einflüsse auf die Knochenstruktur bodengelagerter Skelettfunde.
     
  5. Prävention von Muskel- und Skeletterkrankungen: Im Rahmen eines Tiermodells wird über einen Zeitraum von 1-2 Jahreszyklen die Wirkung kontinuierlicher Laufbewegung auf Knochen und Muskulatur untersucht. Die generierten Daten sollen Maßnahmen im Gesundheitsmanagement (public health) zur Förderung physischer Aktivität im Alltag zu unterstützen (in Vorbereitung).